Stellungnahme zu den Presseberichten über die aktuellen Hausärzteproteste

Am 15. September fand eine Großveranstaltung der Hausärzteverbände Nordrhein und Westfalen-Lippe in der Essener Grugahalle statt. Um ihren Protest zu den geplanten Gesetzesänderungen im Rahmen der nächsten sog. Gesundheitsreform zu demonstrieren, waren mehrere tausend Hausärztinnen und Hausärzte in Begleitung ihres Personals und Patienten in die Grugahalle gekommen. Diese Veranstaltung fand im Rahmen eines bundesweiten Protesttages statt und sollte den drohenden Verlust unserer wohnortnahen hausärztlichen Versorgung im Interesse unserer Patienten darstellen.

Nähere Informationen hierzu entnehmen Sie bitte unserem Beitrag „hausärztliche Versorgung in Bochum in Gefahr“.

Sämtlichen Medien konnte man anschließend fälschlicherweise entnehmen, dass die Hausärzte lediglich für mehr Honorar auf die Strasse gegangen seien, dabei ihre Patienten im Stich gelassen haben, und das obwohl die Ärzte doch angeblich schon so viel mehr verdienen würden.

Wir distanzieren uns aufs Schärfste von diesen Darstellungen und würden uns freuen, wenn Sie an dieser Stelle unsere Leserbriefe lesen würden, die natürlich - wie sollte es anders zu erwarten sein - nicht abgedruckt wurden.

 

Leserbrief von Dr. med. Lothar Rudolph vom 17.9.10 an die WAZ:

Hausärzteprotest nicht auf dem Rücken der Patienten, sondern mit deren Rückendeckung!

Die einseitige Berichterstattung zu den bundesweiten Hausärzteprotesten am 15.9. in Presse, Funk und Fernsehen, in denen lediglich Honorarforderungen der Hausärzte als Grund des Protestes aufgeführt wurden, sind nicht nur schlichtweg falsch, sondern auch eine Beleidigung an die zahllosen Patienten, die sich an diesem Protest beteiligt haben. Oder an die bereits mehreren hunderttausend Patienten, die bundesweit mit ihrer Unterschrift unseren Protest unterstützt haben.

In der Essener Grugahalle waren die Patienten nicht so zahlreich vertreten, wie im September 2009 im Münchener Olympiastadion, wo 22.000 Patienten zur Protestveranstaltung für den Erhalt der hausärztlichen Versorgung ins Stadion kamen, aber die Anwesenden waren sicher nicht gekommen, um sich lediglich für ein höheres Gehalt der Hausärzte einzusetzen. Nein, diese Patienten haben die Zeichen der Zeit erkannt und sehen wie wir die wohnortnahe hausärztliche Versorgung akut gefährdet. Wenn es nach dem Willen der Politik und der kassenärztlichen Vereinigung aber vor allem der großen Wirtschaftsunternehmen im Medizinbereich gehen sollte, so wird es in wenigen Jahren nur noch den Hausarzt als angestellten Arzt in einem großen medizinischen Versorgungszentrum geben. Schichtdienste und weite Wege werden dann dazu führen, dass die Behandlung beim Hausarzt ähnlich anonym verlaufen wird, wie gegenwärtig in einer Krankenhausambulanz. Eine vertrauensvolle Versorgung, wie wir sie als „Hausärzte von nebenan“ gerne stets unseren Patienten bieten, wird es dann nicht mehr geben. Hausbesuche zählen übrigens nicht zum Leistungsspektrum der medizinischen Versorgungszentren.

Es soll ein Ausverkauf der hausärztlichen Versorgung durch freie und selbständige Hausärzte stattfinden, da sich hier im ambulanten Bereich für die Kassen und die großen Medizinunternehmen viel Geld verdienen lässt. Wenn wir es jetzt nicht schaffen sollten, durch unseren gemeinsamen Protest mit den Patienten zu bewirken, dass der Beruf des selbständigen niedergelassenen Hausarztes für potentielle Nachfolger wieder attraktiver werden wird, stehen allen Patienten schwarze Zeiten bevor. Den heutigen Hausärzten wird man dann jedenfalls nicht mehr nachsagen können, sie hätten nicht ausreichend versucht, vor dieser Entwicklung zu warnen.

Dr. med. Lothar Rudolph (2. Vorsitzender Hausärztenetz Bochum)

 

Leserbrief von Berthold Bühlbecker vom 16.9.10 an die WAZ-Bochum:

Auf der Seite eins der WAZ vom 16.09.2010 fand sich der Artikel "Ärzte verdienen besser" und auf der Seite zwei der Kommentar "Bitte keinen Ärztekrieg". Zu diesen beiden Artikeln möchte ich einen Kommentar in Form eines Leserbriefes abgeben:

Diese beiden Artikel transportierten als Hauptaussage: Ärzte verdienen 164000 Euro und wollen noch mehr. Anlass zu diesen Artikel waren die Ärzteproteste vom Vortage. Leider haben die Autoren auf jegliche Recherche verzichtet. Es handelte sich am 15.09.2010 nicht um allgemeine Ärzteproteste, sondern um Proteste der niedergelassenen Hausärzte. Die Hauptintention der Proteste war nicht einfach mehr Geld für die erbrachte Leistung zu erhalten, sondern der Erhalt des Hausarztes in der medizinischen Versorgung. Die Forderungen der Hausärzte sind die Beendigung des Monopols der Kassenärztlichen Vereinigungen bei der Honorarverteilung, Durchsetzung von Hausarztverträgen, Förderung der Ausbildung von Hausärzten, gleiche Vergütung der ärztlichen Leistungen in Deutschland und mehr Geld für die hausärztliche Versorgung.

Der Autor übernimmt die Behauptung der Krankenkassen, das jeder niedergelassene Arzt im Durchschnitt 164000 Euro verdient, ungeprüft. Die Krankenkassen haben ein eindeutiges Interesse die Arzteinkommen schönzurechen. Ist dem Autor bekannt, wie sich das Einkommen eines niedergelassenen Arztes zusammensetzt? Das Einkommen eines Freiberuflers ist nicht dem Bruttoeinkommen eines Arbeitnehmers gleichzusetzen, da die Sozialabgaben völlig anders (und viel höher) zu berücksichtigen sind. Hausärzte verdienen nicht annähernd 164000 Euro. Hausärzte in Nordrheinwestfalen verdienen im Vergleich mit anderen selbstständigen Arztgruppen besonders schlecht. Viele Hausarztpraxen stehen kurz vor der Schließung. Nachfolger für frei werdende Arztpraxen gibt es fast nur noch in den großen Städten. Glaubt der Autor wirklich, dass es für den Hochsauerlandkreis keine Hausärzte zu finden gäbe, wenn dort 164000 Euro pro Jahr zu verdienen wären?

Seit Jahren engagiere ich mich, um den selbstständigen Hausarzt für meine Patienten zu erhalten. Zeitungsartikel wie ihrer zerstören das Erreichte in einen Federstrich. Recherche und das Gespräch mit einem einzigen Hausarzt hätten ausgereicht, die Probleme in der hausärztlichen Versorgung zu erfassen!

Berthold Bühlbecker, Hausarzt in Bochum

 

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